| Zum Tod eines Leistungsträgers |
|
|
|
| Donnerstag, den 19. November 2009 um 15:05 Uhr |
|
Der tragische Tod des Fußballnationalspielers Robert Enke (Hannover 96) im November 2009 hat nicht nur Betroffenheit ausgelöst, sondern auch eine wichtige Wertedebatte ausgelöst, die die deutsche Gesellschaft noch längere Zeit beschäftigen dürfte. Depression - das vielleicht letzte Tabu einer ansonsten tabulosen, libertären Gesellschaft ist auf einmal in aller Munde. Depressionen sind in Deutschland weitgehend noch identisch mit "Willensschwäche", einem Mangel an "Belastbarkeit" oder einer individuellen "Überempfindlichkeit". Diese regelrecht inhumane Geringschätzung seelischer Leiden, die ihre Wurzeln vermutlich in der Zeit des Dritten Reiches haben dürfte, ist nicht nur in straff geführten, gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen an der Tagesordnung. Auch einer Karriere im öffentlichen Schuldienst ist eine Depression alles andere als förderlich. Die betroffenen Kollegen und Kolleginnen sind bislang immer noch gut beraten, vor anstehenden Beförderungen oder Laufbahnentscheidungen keine seelischen Erkrankungen bekannt werden zu lassen. In dem Augenblick aber, in dem selbst erfolgreiche Topstars erkennen lassen, dass sie mit den Anforderungen von Beruf und Leistungsgesellschaft gelegentlich oder dauerhaft überfordert sind, und wo wir alle erkennen müssen, dass Depressionen kein Phänomen von wenig belastbaren "Schwächlingen" sind, da besteht die Chance eines gesellschaftlichen Umdenkens. Zugleich zeigt die Diskussion um die Lehren aus dem Tod von Robert Enke, dass unsere Gesellschaft zutiefst schizophren in ihrem Umgang mit dem Leistungsprinzip ist. Während im Sport (wie jüngst von Fußball-Nationaltrainer Jogi Löw) und in weiten Teilen des Berufslebens das Leistungsprinzip hochgehalten und verteidigt wird, erleben wir, wie es in den deutschen Schulen zunehmend in Frage gestellt und durch andere Werte (Spaß, Kreativität, Angstfreiheit etc.) ersetzt wird. In manchen Kerncurricula taucht nicht einmal der Begriff "Leistung" noch auf. In der aktuellen Diskussion sollten gerade die Schulen deutlich machen, dass der Mensch einerseits natürlich mehr ist als die Summe seiner Leistungen. Andererseits muss gerade auch angesichts des tragischen Sterbens von Robert Enke daran erinnert werden, dass nicht Leistungsanforderungen als solche krank machen, sondern dass Depressionen als Krankheit unabhängig von realen Belastungen auftreten und gewürdigt werden müssen. Im Gegenteil gehören Gelegenheiten, sich zu beweisen und im besten Sinne des Wortes echte "Leistungen" zu erbringen, auf die man stolz sein kann, zu den wichtigsten Momenten im Leben von Schülern. Schulen sollten ihren Schülern also nicht Angst vor "Leistungsdruck" machen, sondern daran mitwirken, Strategien zum Umgang mit Leistungsanforderungen in Leben und Beruf zu entwickeln. Mit Jogi Löw ist man auch als Lehrer geneigt zu sagen, dass auch wir den Leistungsgedanken in den Schulen ausdrücklich bejahen, auch wenn ein Umdenken in der Wertigkeit von Leistungen sicherlich begründet erscheint. Es muss selbstverständlich immer im Bewusstsein bleiben, dass der Mensch über einen Wert und eine Würde verfügt, welche die Summe seiner Leistungen und Fähigkeiten deutlich übersteigen und die es erlauben, auch Schwächen und Krankheiten zeigen zu dürfen. Wenn Robert Enke zu dieser Erkenntnis beigetragen hat, war sein furchtbarer Tod vielleicht doch nicht vollkommen sinnlos. |